Upcycling gebrauchter Laptopkameras

Hallo zusammen,
wer sich in den vergangenen Wochen online oder im Einzelhandel nach einer günstigen Webcam umgesehen hat, der wurde in den meisten Fällen derbe enttäuscht. “Aufgrund von Covid-19” (wie ich diesen Satzanfang mittlerweile hasse) gibt es so gut wie keine Angebote mit brauchbaren und bezahlbaren Webcams, die noch in dieser Dekade zu Hause eintreffen.

Was tut also der findige Tekkie? Genau! Er schaut sich in seiner Bastelwerkstatt nach einer Alternative um. Klar, mit einem HDMI-Grabber bekommt man jede Kamera von der GoPro bis zur DSLR am USB 3.0 Anschluss zum laufen, besticht in Videochats mit toller Bildqualität und trumpft - je nach Objektiv - mit einem grandiosen Bokeh im Bild auf. Was einerseits zwar die Mitmenschen beeindrucken mag, kostet leider andererseits eine ganze Stange Geld. Dann wäre da noch der Raspberry Pi in all seinen Varianten, der sich mit einer PiCam und ein wenig Software-Spielerei auch zu einer PC-Webcam machen ließe. Oder noch einfacher: Ein Smartphone könnte man mit den richtigen Apps auch zum Senden eines Bildsignals für Skype, Hangouts und Co. überreden.

All diese Lösungen haben einen entscheidenden Nachteil: Es fehlt der Gestank von bleihaltigem Lötzinn in der Wohnung, keine offenen Kabelenden, keine freiliegenden spannungsführenden Teile, kein provisorisches Isolierband, welches die Sachen zusammenhält… das ist ganz und gar nicht “Tekkie”, wenn ihr mich fragt.

Ich zeige euch heute, wie man mit den letzten Kröten aus der Hosentasche und ein bisschen Geduld und Spucke einer alten Laptop-Webcam neues Leben einhaucht. Ein altes oder kaputtes Notebook der Kategorie “das brauche ich sicher nochmal als Teilespender” darf schließlich in keiner Maker-Sammlung fehlen. Wem das nicht vergönnt ist, weil die bessere Hälfte mal wieder größere Entsorgungsaktionen angeordnet hat, der besorgt sich im Netz einfach eine Laptop-Webcam für 3 bis 10 €.

Benötigt wird folgendes:
Webcam-Modul mit Kabel
Lötstation
ein altes, 4-adriges USB-Kabel mit Typ-A Stecker (Achtung: es gibt auch reine USB-Ladekabel mit nur zwei Adern!)
ein Multimeter
Seitenschneider und Abisolierwerkzeug (Fingernägel)

In meinem Beispiel habe ich mir dieses Webcam-Modul besorgt.

Bei der Auswahl ist darauf zu achten, dass die Webcam über eine interne USB-Verbindung an das System angebunden ist, dies ist aber in der Regel der Fall und mit ganz viel Glück findet sich auch nach intensiver Onlinerecherche ein Datenblatt, welches dies bestätigt.

Wichtig hierbei ist, dass man sich ein Webcam-Modul mit Kabel besorgt. Dieses macht nicht nur das Verbinden deutlich einfacher, sondern hilft uns auch beim Herausfinden der Pinbelegung.

Die große Kunst bei dieser Bastelei besteht eigentlich nur in dieser Sache: Der richtigen Belegung der Pins. Hierzu sucht man z.B. mit der Typenbezeichnung des Kameramoduls oder - wenn bekannt - auch mit der Typnummer des Motherboards ein Pinout Datenblatt.

Nichts gefunden? Kein Problem! Die Hersteller sind mit solchen Angaben erfahrungsgemäß recht knauserig, daher finden wir die Belegung einfach selbst heraus. Dazu gehen wir wie folgt vor.

Zunächst beginnen wir damit die Adern vom Kabel ca. 4cm freizulegen, abzuknipsen und die Enden abzuisolieren.

Ein Blick auf die Farben verrät uns leider nichts, diese können je nach Modul auch völlig unterschiedlich sein.
Daher zücken wir unser Multimeter, stellen es auf Durchgangsprüfung und begeben uns auf Spurensuche.
Als erstes suchen wir die Masse, diese lässt sich einfach finden indem man die Massepunkte an den Schraubenlöchern angreift und dann die Kabelenden abklappert. In meinem Fall waren das die beiden ersten Kabel von Links (siehe Bild) gelb und orange.
Zwei haben wir identifiziert, bleiben noch drei.
Hier kommt uns eine Eigenschaft zugute, die alle Module gemeinsam haben.
Die Datenleitungen D+ und D- sind die beiden Kabel die miteinander verdreht sind.

Welches hiervon D+ oder D- ist, kann man nur raten. Das macht aber nichts, denn im schlimmsten Fall meldet uns Windows, dass kein Gerät erkannt wurde und die tauschen einfach die Kabel.

Damit bleibt uns dann nur noch ein Kabel für den Pluspol. Um ganz sicherzugehen, kann man hier zudem einmal den Durchgang zu einem der Transistoren prüfen.

Damit haben wir den schwersten Akt überstanden und können uns jetzt ein altes USB-Kabel schnappen. Es empfiehlt sich übrigens dieses Kabel einmal zu testen bevor man es zerschneidet. Sonst sucht man evtl. später einen Fehler der auf einen Kabelbruch zurückzuführen ist. Ich habe gehört sowas passiert manchmal. hust

Ein USB-Kabel besteht in der Regel aus mindestens 4 Adern:

Rot = 5V
Schwarz = Masse
Weiß = D-
Grün = D+

Diese verbinden wir jetzt einfach mit den entsprechenden der Kamera.

Zum Testen isolieren wir die Kabel einfach kurz mit Isolierband.
Anschließend können wir die Kamera an einer Powerbank oder an einem USB Netzadapter anstecken. Wenn hierbei ein Feuerwerk ausbleibt können wir den Test am PC wagen.
Kommt nach dem einstecken die Meldung, dass kein Gerät gefunden wurde, müssen wir die beiden Datenkabel tauschen. In meinem Fall war tatsächlich schon alles richtig und nach dem typischen Windows-USB-Sound konnte ich schon direkt auf die Kamera zugreifen.

Das war ja schon fast ZU einfach.

Ein paar Schrumpfschläuche später haben wir mit einfachen Mitteln eine wirklich kleine Webcam gebaut.

Diese ist mit 8.5 mm x 60 mm so klein, dass man sie problemlos fast überall einbauen könnte.
Selbst unauffällige wettererfeste Gehäuse sollten kein Problem.
In Verbindung mit einem Pi Zero W und MotionEye OS könnte man die Kamera sogar WLAN-fähig bekommen und als Überwachungskamera einsetzen.
Alternativ kann man mit einem aktiven USB-Kabel (USB Repeater-Kabel) bis zu 20 m überbrücken und so zum Beispiel sein Gartenhaus oder ein Vogelnest beobachten.
Aufgrund des geringen Preises ist es zudem möglich, gleich mehrere Kameras zu bauen und eine Hausüberwachung zu realisieren. Ein alter Laptop mit entsprechend vielen USB-Anschlüssen würde hier die Zentrale bilden. Die Einbau- bzw Einsatzmöglichkeiten sind so vielseitig wie deine Kreativität.

Viel Spaß beim nachbauen.

Schönen Gruß Deeke

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